Der 4. September 1839 ist bei Weitem nicht das erste Datum, das einem in den Sinn kommt, wenn man an den aktuellen Zollstreit zwischen den Vereinigten Staaten und der EU denkt. Eine Seeschlacht am anderen Ende der Welt, noch dazu eine von überschaubarem Ausmaß, hat augenscheinlich nichts mit dem zu tun, was Donald Trump und Ursula von der Leyen Anfang August in Schottland ausverhandelt haben. Und doch ist die Schlacht von Kowloon – eigentlich nicht mehr als ein kurzes Feuergefecht zwischen ein paar britischen Handelsschiffen und einer Handvoll chinesischen Kriegsdschunken in der Bucht vor Hongkong – vielleicht der Moment in der Geschichte, von dem aus sich das Kalkül der Europäer und die Motive der Trump-Administration am besten nachvollziehen lassen.

Der Verlauf des Konflikts, der am 4. September 1839 in den trüben Gewässern des Südchinesischen Meeres ausgefochten wurde, ist rasch erzählt: Nach einem zähen, bürokratischen Geplänkel über die Freigabe von Proviantkäufen britischer Seeleute kam es zu einem Feuergefecht mit der zum Schutz der lokalen Beamten ausgerückten chinesischen Marine. Die Verluste hielten sich in Grenzen – weniger als zehn Tote und eine Handvoll verletzter Matrosen – und keine der beiden Seiten konnte einen klaren Sieg für sich verbuchen. Dennoch haben die Folgen dessen, was sich an diesem Tag vor Hongkong abspielte, die Weltgeschichte bis heute geprägt: Auf die Schlacht von Kowloon folgten die beiden Opiumkriege, die erzwungene Übergabe Hongkongs an die Briten, der Beginn des chinesischen “Jahrhunderts der Demütigung”, dessen Höhepunkt die Besetzung Pekings im Jahr 1900 darstellte, der Niedergang der Qing-Dynastie und die Ausrufung der chinesischen Republik. Im darauffolgenden Bürgerkrieg siegten die Kommunisten Maos über die Nationalisten Chiang Kai-sheks, was zur de facto Abspaltung der Republik China (Taiwan) von der Volksrepublik führte. Heute, 2025, ist eine gewaltsame Wiedereingliederung Taiwans durch “das Mutterland” wahrscheinlicher als je zuvor – mit unabsehbaren Folgen für die Region und die Welt.

Wie war es so weit gekommen? Seit den 1730er Jahren war die Außenhandelsbilanz zwischen dem britischen Königreich und dem China der Qing-Dynastie zunehmend in Schieflage geraten. Die Briten kauften immer mehr chinesisches Porzellan, Seide und Tee, die sie in harter (Silber-)Währung bezahlen mussten, konnten ihrerseits aber nur wenige Waren im Reich der Mitte absetzen. Es gab jedoch ein Erzeugnis britischen Ursprungs, das überproportional nachgefragt wurde: Opium. Gewonnen aus Schlafmohn, angebaut in Bengalen im Nordosten des indischen Subkontinents (damals britische Kolonie), wurde die Droge über Schmuggler und Mittelsmänner ins Kaiserreich exportieren, wo sie reißenden Absatz fand. Um 1830 waren nach heutigen Schätzungen bereits mehrere Millionen Chinesen opiumsüchtig – sehr zum Missfallen der Qing-Administration, die nicht nur den moralischen, sondern auch den wirtschaftlichen Niedergang des Reichs befürchtete.

Bis zu diesem Punkt, der Eskalation der Handelsdifferenzen zu physischer Gewalt, verlief die Dynamik kongruent zu der, die wir in den letzten Jahrzehnten zwischen der EU und den USA beobachten konnten: Statt chinesischer Seide in Großbritannien sind es heute Autos von BMW und Mercedes, pharmazeutische Produkte von Bayer und Sanofi, französischer Champagner und spanischer Rohschinken, die in den Vereinigten Staaten stark nachgefragt werden. Ihre amerikanischen Äquivalente finden in Europa jedoch vergleichsweise geringen Anklang. Daraus ergibt sich ein Handelsdefizit von über 100 Milliarden Euro im Jahr 2023 das nicht nur Donald Trump und seinen Wirtschaftsberatern sauer aufstößt.

Analog zum britisch-indischen Opium in China gibt es jedoch durchaus amerikanische Produkte, von denen die Europäer, oft trotz besseren Wissens, nicht die Finger lassen können: Unzählige Stunden am Tag verbringen europäische Konsumente auf Facebook, WhatsApp, Instagram und YouTube und ebenso wenig sind digitale Dienstleistungen – Onlinewerbung von Google und Meta, Cloud-Dienste von Microsoft und Amazon – aus den Kernprozessen europäischer Unternehmen wegzudenken. Dass so Milliardenumsätze, oft an der Steuer vorbei, und Unmengen persönlicher Daten stetig über den Atlantik fließen, wird in Brüssel ähnlich argwöhnisch betrachtet wie die im 19. Jahrhundert zur Epidemie gewordene Opiumsucht der Chinesen.

Am 4. September 1839 schließlich waren die anhaltenden Versuche der Chinesen, den illegalen Opiumimport unter Kontrolle zu bringen, und die selbstherrliche Ignoranz der Briten dieser Bestrebungen zu physischer Gewalt eskaliert. So hatte Lin Zexu, der vom Qing-Kaiser mit der Lösung des Konflikts betraut worden war, zunächst an das moralische Gewissen der Briten, sogar an das von Königin Victoria persönlich, appelliert – ohne Erfolg. Erst als er ab März 1839 mehr als eintausend Tonnen Opium konfiszieren und wenig später vernichten ließ, schien den Briten der Ernst der Lage klar zu werden. Zweifellos waren sie sich ihrer militärischen Überlegenheit bewusst und schreckten nicht davor zurück, den Opiumhandel notfalls mit Waffengewalt zu verteidigen.

Die Europäer haben bisher davon abgesehen, ähnlich drastisch gegen Alphabet, Meta, Microsoft und Amazon vorzugehen wie Lin Zexu gegen die Opiumschmuggler. Möglichkeiten hätte es dazu aber durchaus gegeben: Der 2022 in Kraft getretene Digital Services Act (DSA) und der für 2025 angepeilte AI Act hätten zweifellos das Potenzial gehabt, das Pendant zur Beschlagnahmung des britischen Rauschgifts durch chinesische Beamte zu werden. Der Digital Markets Act (DMA) und das europäische Kartellrecht bieten weiters eine Vielzahl von Werkzeugen, mit denen hart gegen die Digitalkonzerne durchgegriffen werden könnte. Hohe Bußgelder und drakonische Strafen, bis hin zur Zerschlagung der Konzerne, wären denkbar. Eine EU-weit einheitliche, schmerzhaft hohe Steuer auf digitale Dienste stand sogar kurz als Antwort auf Trumps Zölle zur Diskussion.

Vielleicht hat man sich in Brüssel aber daran erinnert, wie es den Chinesen infolge ihrer harten Antwort auf den britischen Opiumhandel ergangen war. Zwar ist nicht zu befürchten, dass die USA ihr Interesse am Absatz hoch profitabler (und teils hochgradig süchtig machender) Produkte am europäischen Markt mit militärischer Gewalt durchsetzen würden. Eine Eskalation des Handelskonflikts mit anderen Mitteln war jedoch zu keinem Zeitpunkt ausgeschlossen. So musste selbst Maroš Šefčovič, EU-Handelskommissar und Chefverhandler des aktuellen Zollabkommens, eingestehen dass es dabei um weit mehr als nur um wirtschaftliche Belange ging: Trumps wankende Unterstützung für die Ukraine, die Frage nach einer gemeinsamen Position im Nahostkonflikt, der Beitrag, den die USA zur NATO und damit zum militärischen Schutz Europas gegen Russland zukünftig leisten würden – all das stand während der zähen Verhandlungen zur Disposition. Ein Schatten der zweifellos größer und dunkler ist als der, den die britischen Kanonenboote auf die Bucht von Kowloon warfen.

Geschichte wiederholt sich nie eins zu eins. Aber, so soll Mark Twain es einmal formuliert haben, sie reimt sich. Was sich zwischen dem Vereinigten Königreich und Qing-China von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zum 4. September 1839 abgespielt hatte, hallt im heutigen Umgang der EU mit den Digitalkonzernen jenseits des Atlantiks unüberhörbar nach. Was lernen wir daraus? Selten geht es bei Handelsabkommen zwischen Weltmächten nur um Wirtschaftspolitik. Moralische oder gar sachliche Überlegenheit wird sich im Zweifel immer den realen Machtverhältnissen – Kanonenbooten im 19. oder anderen “Hard Power” Faktoren im 21. – unterordnen müssen.